Reiseberichte aus dem Norden
Ihre Reise führte sie in verschiedene Einrichtungen, von den nördlichen Regionen Alta und Hammerfest bis ins südliche Inland nach Rjukan und Notodden. Dort konnten sie hautnah erleben, wie in den norwegischen Unterkünften gearbeitet wird, und sich an unterschiedlichen Projekten beteiligen. In diesen vier persönlichen Berichten teilen die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und die wertvollen Erkenntnisse, die sie während ihres Aufenthalts gewonnen haben.
Lisa, Sozialarbeiterin - Unterkünfte in Alta und Hammerfest
„Am 26. Mai 2024 begann meine Reise nach Norwegen gemeinsam mit drei weiteren Austauschteilnehmenden. Nach einer Übernachtung in einem Flughafenhotel in Oslo, wo wir die Möglichkeit hatten, uns näher kennenzulernen und über unsere Erwartungen auszutauschen, ging es für mich weiter in den hohen Norden. Ich hatte das Glück, nach Alta zu reisen, eine Stadt mehr als 1200 Kilometer entfernt. Schon während des Fluges stimmten mich die schneebedeckten Berge auf das Naturerlebnis ein, das mich in Nordnorwegen erwartete.
In Alta wurde ich herzlich vom Leiter der Gemeinschaftsunterkunft empfangen. In den folgenden Tagen konnte ich das kleine Team der Unterkunft kennenlernen und erfuhr, wie die Betreuung und Integration der Flüchtlinge in Norwegen organisiert wird. Besonders interessant war das „Mottak“-System: Jeder Bewohner*in durchläuft ein verpflichtendes Informationsprogramm, das aus zwölf Modulen besteht. Diese Module, die auf verschiedene Landessprachen übersetzt werden, informieren über den Asylprozess, Rechte und Pflichten, sowie die Geschichte und das Regierungssystem Norwegens. So sollen die geflüchteten Menschen bestmöglich auf eine spätere Integration in die norwegische Gesellschaft vorbereitet werden.
Ein für mich überraschender Aspekt war, dass der Arbeitstag in den Mottaks bereits um 15:30 Uhr endete, was mir die Gelegenheit gab, die Umgebung zu erkunden. Ich besichtigte die Nordlichtkathedrale und genoss die Mitternachtssonne, die zu dieser Jahreszeit nicht untergeht. Auch in den Gesprächen mit den Kolleg*innen lernte ich, dass die Mitternachtssonne für viele anstrengender ist als die Dunkelheit im Winter.
Am nächsten Tag nahm ich wieder an einer Informationsveranstaltung teil, diesmal für die ukrainischen Bewohner*innen, die einen großen Teil der 107 Bewohnenden in Alta ausmachen. Anschließend durfte ich einen Norwegischkurs für die Geflüchteten beobachten, der auf freiwilliger Basis besucht wird. Anders als in Deutschland gibt es in Norwegen keine kostenlosen Integrationskurse vor der Anerkennung des Asylantrags.
Nach zwei intensiven Tagen in Alta führte mich meine Reise nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt. Dort lernte ich eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kennen. Diese Unterkunft wird wie ein großes Gemeinschaftsprojekt geführt, mit einem Team von 20 festen Mitarbeitenden, das rund um die Uhr im Schichtdienst für die Jugendlichen da ist. Die Jugendlichen, überwiegend zwischen 15 und 17 Jahren und aus Ländern wie Eritrea, Afghanistan, Syrien und der Ukraine, leben in Einzelzimmern mit eigenem Bad. Die Betreuung ist intensiv und auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen ausgerichtet, mit einem Fokus auf psychologische Unterstützung und Integration in das Schulsystem.
Ein besonderes Highlight meines Aufenthalts war ein Ausflug mit einigen Jugendlichen an den Strand. Bei sonnigem Wetter erlebte ich, wie sie unbeschwert im arktischen Meer badeten und einfach das Leben genossen. Dieser Moment war für mich besonders bewegend, weil viele der Jugendlichen traumatische Erlebnisse hinter sich haben, und doch in diesem Augenblick einfach Kinder sein konnten.
Während meines gesamten Aufenthalts in Norwegen beeindruckte mich, wie wenig Bürokratie notwendig ist, um das System der Flüchtlingsunterkünfte effizient zu betreiben. Die digitale Vernetzung zwischen den beteiligten Behörden und Einrichtungen erleichtert die Abläufe erheblich, was in Deutschland noch undenkbar erscheint. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie viel Deutschland von Norwegen in Bezug auf den Umgang mit Geflüchteten lernen könnte.
Insgesamt war dieser Austausch eine bereichernde Erfahrung, die mir nicht nur Einblicke in die norwegische Arbeitsweise und Kultur, sondern auch in die Herausforderungen und Chancen der Flüchtlingsarbeit auf internationaler Ebene gegeben hat.“
Franka, Sozialarbeiterin - Unterkünfte in Notodden und Rjukan
„Fünf Tage Norwegen. Fünf Tage voller Eindrücke und intensiver Gespräche zwischen norwegischen und deutschen Kolleg*innen. Es gibt viel zu erzählen – von der Anreise, den Begegnungen, und von der WhatsApp-Gruppe, die uns vier Austauschteilnehmende über die ganze Zeit hinweg verbunden hat. Wir tauschten unzählige Fotos aus, telefonierten, und hielten uns auf dem Laufenden, wie es in den jeweiligen Unterkünften gerade lief.
Dieser Austausch hat mir vor allem gezeigt, wie vielfältig und lebendig HERO sowohl in Norwegen als auch in Deutschland ist. Besonders schön war für mich das kollegiale Miteinander, das Gefühl, als eine Einheit zu agieren – und das, obwohl wir aus unterschiedlichen Unterkünften kamen. Norwegen und der Austausch haben nicht nur die strukturellen Unterschiede beider Länder deutlich gemacht, sondern vor allem das Positive hervorgehoben: wie viele sympathische und kompetente Menschen bei HERO arbeiten. Menschen, die sich dafür einsetzen, sich selbst und ihre Arbeit zu verbessern, um für die Bewohner*innen das bestmögliche Umfeld zu schaffen.
In Norwegen betreibt HERO auch sogenannte „Mottaks“, Unterkünfte für Jugendliche bis 17 Jahre, die besonders schutzbedürftig sind. Nach der Anreise am Sonntag führte mich die Reise am Montag nach Notodden, der ersten von zwei Stationen des Austauschprogramms. Nach dem Check-in im Hotel ging es direkt in das fußläufig erreichbare Mottak. Dort bekam ich Einblicke in die Arbeitsprozesse einer Unterkunft für Erwachsene und Familien. Besonders spannend fand ich, dass die Aufgabenbereiche klar aufgeteilt sind – jede Mitarbeiter*in ist Spezialist*in in einem bestimmten Bereich und somit die richtige Ansprechperson für konkrete Anliegen.
Am Mittwoch holte mich ein Kollege aus der zweiten Unterkunft in Rjukan ab. Während der einstündigen Fahrt tauschten wir uns über die Unterschiede zwischen den Berliner und norwegischen Unterkünften aus. Rjukan liegt in einem Tal, umgeben von Bergen und Felsen, und dort betreibt HERO eine Unterkunft für Jugendliche. Die Unterkunft besteht aus drei Häusern, in denen jeweils zehn junge Männer in Einzelzimmern leben. Ursprünglich war es eine gemischte Unterkunft, doch derzeit leben dort nur männliche Jugendliche. Mädchen werden in Norwegen nur in Gruppen untergebracht, um sich sicherer zu fühlen.
Das Team in Rjukan hat mich in kürzester Zeit beeindruckt – es ist spürbar, dass sie für die Jugendlichen wie ein Familienersatz sind. Ihr Büro ist sowohl in einem der drei Häuser als auch in einem zentralen Raum, der wie ein Jugendclub gestaltet ist, mit Sitzmöglichkeiten und einem Billardtisch. Dieses engagierte, herzliche Miteinander war für mich eine der wertvollsten Erfahrungen des gesamten Austauschs.
Was mich besonders berührt hat, war zu sehen, wie engagiert die Mitarbeiter*innen von HERO sind – trotz der Unterschiede in Sprache und Kultur teilen wir alle den Wunsch, das Leben von geflüchteten Menschen zu verbessern. Dieser Austausch hat meinen Erfahrungshorizont erweitert und wird nicht nur meine Arbeit bei HERO, sondern auch mich persönlich nachhaltig bereichern.“
Johanna, Sozialarbeiterin - Unterkünfte in Stord und Litlabø
„Am 26. Juni startete ich gemeinsam mit drei Kolleg*innen unsere Reise von Berlin nach Oslo. Am Flughafen BER ging alles reibungslos, sodass wir vor dem Abflug Zeit hatten, uns mental auf das Austauschprogramm vorzubereiten und ein wenig besser kennenzulernen. Der Flug nach Oslo verlief problemlos, und nach einer Nacht im Hotel ging es am Montagmorgen weiter mit einem kurzen Flug nach Stord an der Westküste Norwegens. Dort wurde ich vom Leiter meiner Unterkunft am Flughafen abgeholt – der Flughafen war so klein, dass wir uns praktisch nicht verfehlen konnten.
Nach einer einstündigen Autofahrt erreichten wir die Unterkunft, in der ich die ersten 2,5 Tage verbringen würde. Diese bot Platz für bis zu 150 Geflüchtete, darunter 30 allein reisende Männer und 120 Familien oder allein reisende Frauen. Viele der Bewohner*innen kamen aus der Ukraine und aus Syrien. Die Unterkunft überraschte mich in vielerlei Hinsicht. So war das Büro des Teams nicht direkt vor Ort, die Häuser der Geflüchteten waren nicht eingezäunt, und es gab keinen Sicherheitsdienst. Die Familien lebten in eigenen Wohnungen mit Küche und Bad, während allein reisende Frauen Wohnungen teilten. Allein reisende Männer wohnten in einem separaten Gebäude, wo sie sich Zimmer und Gemeinschaftsbereiche teilten.
Besonders beeindruckend fand ich die Kindertagesstätte auf dem Gelände, die den Kindern eine schnelle Integration ermöglichte. Es wurde ein hohes Maß an Selbstständigkeit von den Bewohner*innen erwartet: Jeder war für die Reinigung seines Wohnbereichs verantwortlich, und in jedem Gebäude gab es jemanden, der die Gemeinschaftsräume pflegte. Ein weiteres Highlight war das umfassende Informationsprogramm, das in mehreren Sprachen abgehalten wurde. Hierbei ging es um Themen wie Brandschutz, das norwegische Asylsystem und wichtige gesellschaftliche Grundwerte. Ich nahm an einer arabischsprachigen Gruppe teil, die sich mit dem Thema Brandschutz beschäftigte – ein zentrales Thema in Norwegen, wo viele Häuser aus Holz gebaut sind.
Ein faszinierender Aspekt des norwegischen Systems war die Zuweisung von geflüchteten Menschen an Kommunen, in denen sie sich niederlassen und unterstützt werden, sobald sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Diese Zuweisung ist verpflichtend, und eine Ablehnung führt zu erheblichen Konsequenzen.
Zur Wochenmitte wechselte ich in eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Diese Unterkunft bot Platz für bis zu 40 Jugendliche, die jeweils ein eigenes Zimmer und Bad hatten. Besonders erwähnenswert ist die geschützte Mädchenstation. Die Jugendlichen stehen während ihres Aufenthalts in engem Kontakt mit den Mitarbeitenden, die sie im Alltag begleiten und unterstützen – von Arztbesuchen bis hin zur Schulmotivation. Leider müssen die Jugendlichen lange auf Interviews und Entscheidungen der norwegischen UDI warten, was eine große Herausforderung für sie darstellt.
Am Ende der Woche hatte ich die Gelegenheit, mit den Jugendlichen Waffeln zu backen und die seltenen Sonnenstrahlen auf Stord zu genießen – denn obwohl es oft regnete, war die Natur rund um die Insel atemberaubend schön. Die Zeit in Norwegen, besonders die Gastfreundschaft der Teams und die entspannte Arbeitsatmosphäre, war eine unvergessliche Erfahrung.
Ich hoffe, dass noch viele Kolleg*innen die Chance haben, an diesem bereichernden Austauschprogramm teilzunehmen.“
Zakaria, Ehrenamtskoordinator - Unterkünfte in Stavanger und Ha
"Während des Austauschprogramms in Norwegen konnte ich wertvolle Einblicke in das Leben, Lernen und die Arbeitsprozesse von geflüchteten Menschen sowie in die Zusammenarbeit mit norwegischen Kolleg*innen gewinnen. In diesem Bericht möchte ich besonders den Informationsplan für erwachsene Bewohnerinnen in Asylunterkünften und deren Integration in Norwegen hervorheben. Zudem werde ich einige Aspekte des Alltags und der Arbeitsabläufe in den Unterkünften ansprechen.
Während meines Aufenthalts hatte ich die Gelegenheit, mich intensiv mit Kolleg*innen aus verschiedenen Abteilungen des Asylzentrums in Stavanger auszutauschen. Dabei fiel mir auf, dass die meisten von ihnen eine Online-Plattform nutzen, um Berichte zu verfassen und in allen Belangen mit der norwegischen Einwanderungsbehörde (UDI) zu kommunizieren. Diese digitale Korrespondenz hat die Arbeit erheblich erleichtert, indem sie Prozesse beschleunigte und effizienter machte.
Ich erkundigte mich nach den Abläufen bei der Postbearbeitung und erfuhr, dass es nur an zwei festen Tagen in der Woche Postabholungen gibt, da die meisten Arbeiten mit der UDI über die Online-Plattform abgewickelt werden. Dies hat die Bürokratie erheblich reduziert, die Produktivität gesteigert und Verzögerungen für die Bewohner*innen vermieden.
Besonders genossen habe ich die Arbeit mit den minderjährigen Geflüchteten im zweiten Aufnahmezentrum in Ha und Stavanger. Ich durfte an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, wie Gruppenausflügen mit den Kindern, der Begleitung von Erwachsenen vom Flughafen und Arztbesuchen. Die Mitarbeitenden schufen eine familiäre Atmosphäre, die den Kindern das Gefühl gab, zu Hause zu sein. Die naturnahe Lage des Campus, mit Spaziergängen am Meer, verstärkte diesen Eindruck. Diese Erfahrung brachte mich dazu, über eine mögliche Arbeit mit Minderjährigen nachzudenken.
Der Informationsplan für erwachsene Bewohner*innen in den Asylunterkünften besteht aus mehreren Modulen, die verschiedene Aspekte des Lebens und der Integration in Norwegen abdecken, darunter: Begrüßungsinformationen, Leben im Aufnahmezentrum, der Asylprozess, Identität und Moral, Familienstrukturen, Eltern-Kind-Beziehungen, Gesundheit, soziale Normen, Kriminalität und Konfliktbewältigung sowie Module zu Ablehnungen und Aufenthaltserlaubnissen.
Eine überraschende Information, die ich von einer Kollegin erfuhr, war, dass geflüchtete Menschen Rentenpunkte sammeln, sobald sie mit dem Norwegischunterricht beginnen. Außerdem nahm ich an einer Diskussionsrunde teil, in der es um die Verkehrsordnung ging – nicht nur in Norwegen, sondern auch in den Heimatländern der Geflüchteten. Zunächst fragte ich mich, warum so viel über die Herkunftsländer gesprochen wurde. Doch schnell wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass sich die Geflüchteten weiterhin mit ihrer Kultur verbunden fühlen, um Identitätskrisen zu vermeiden – etwas, das bei Einwandererkindern in Deutschland häufig vorkommt.
Ich bin überzeugt, dass ein ähnliches Informationsprogramm, wie es in Norwegen angeboten wird, auch in Deutschland von großem Nutzen wäre. Ein solches Programm könnte nicht nur Konflikte reduzieren, sondern den Geflüchteten helfen, die Regeln, das Leben, die Kultur und die Funktionsweise des Landes besser zu verstehen. Das deutsche Integrationsprogramm ist in dieser Hinsicht weniger effizient. In Deutschland dauert es oft ein Jahr oder länger, bis man das B1-Niveau in der deutschen Sprache erreicht, während in Norwegen die Geflüchteten in ihrer Muttersprache mit Übersetzungen unterstützt werden, um den Lernprozess zu beschleunigen. Das norwegische Modell könnte eine wertvolle Ergänzung für das deutsche System sein.
Das Austauschprogramm von HERO bot mir wertvolle Erkenntnisse über die Integration von geflüchteten Menschen in Norwegen. Die Nutzung der Online-Plattform zur Kommunikation und Berichterstattung hat die Effizienz deutlich gesteigert. Besonders die Arbeit mit den minderjährigen Geflüchteten in Ha Stavanger war eine bereichernde Erfahrung. Der umfassende Informationsplan, der geflüchteten Menschen in den Unterkünften angeboten wird, erleichtert ihre Integration und könnte als Vorbild für Deutschland dienen, um Geflüchtete besser zu unterstützen."
Im Oktober freuen wir uns, eine zweite Reisegruppe in den Norden entsenden zu dürfen, die Ziele wie Lista, Isfjorden, Lyngdal und Sunndal erkunden wird. Diese Destinationen versprechen eine ebenso spannende wie abwechslungsreiche Woche, voller neuer Eindrücke und wertvoller Erfahrungen. Auch für diese Teilnehmer*innen wird es sicher eine bereichernde Reise, die den interkulturellen Arbeitsaustausch bei HERO weiter vertieft.