Stimmen der Stärke – Geschichten von Mut und Menschlichkeit
Im Laufe der Zeit entstehen vertrauensvolle Beziehungen, die über die alltägliche Unterstützung hinausgehen und Raum für echte Begegnung schaffen. Aus diesen Begegnungen ist etwas Besonderes entstanden: das bewegende Porträtprojekt „Heroes – Mut muss nicht schreien“.
Das Sozialteam der AfA Bernkastel-Kues hat im Sommer 2025 gemeinsam mit Bewohner*innen persönliche Interviews und Porträts erstellt, die tiefe Einblicke in das Leben und die Erfahrungen geflüchteter Menschen geben. Sie erzählen von Verlust und Neuanfang, von Mut und Hoffnung – und davon, wie viel Stärke in denen steckt, die den langen Weg nach Deutschland auf sich genommen haben. Ergänzt wird das Projekt durch eindrucksvolle Zeichnungen von Kindern und Bewohner*innen, die in ihren selbstgemalten Portraits ihre Sicht auf Menschen und Schicksale in der Unterkunft festgehalten haben.
Die bewegenden Ergebnisse der Gespräche sind hier nachzulesen – mit ausdrücklicher Zustimmung der Bewohner*innen zur Veröffentlichung.
Zaid – Eine Geschichte von Verlust, Stärke und HoffnungZaid ist 20 Jahre alt und stammt aus einem kleinen Dorf nahe der irakischen Grenze in Syrien. Seine Kindheit beschreibt er als sorglos und harmonisch – geprägt von Familie, Zusammenhalt und den Tagen am Fluss neben dem Elternhaus. Doch mit zehn Jahren änderte sich alles: Eine Bombe traf das Krankenhaus, in dem sein Vater als Arzt arbeitete. Er kehrte nie zurück.
Mit seiner Mutter und den drei Geschwistern floh Zaid nach Damaskus. Dort lebte die Familie in verlassenen Ruinen. Um zu überleben, arbeitete seine Mutter als Köchin, während Zaid schon als Zehnjähriger kleine Jobs übernahm. Mit 15 traf er eine schwere Entscheidung: Er verließ Syrien, um in der Türkei Geld zu verdienen und seine Familie zu unterstützen.
Die Jahre dort waren geprägt von Ausbeutung, Gewalt und Angst. Zaid arbeitete in Fabriken bis spät in die Nacht, oft ohne Lohn, manchmal bedroht oder geschlagen. Dennoch schickte er, wann immer möglich, etwas Geld an seine Familie – ob es je ankam, weiß er nicht.
Nach vier Jahren harter Arbeit machte er sich auf den Weg nach Deutschland – in der Hoffnung auf Sicherheit und eine Zukunft. Heute lebt Zaid in der AfA Bernkastel-Kues. Er lernt intensiv Deutsch, um bald arbeiten zu können. Sein größter Wunsch: Kfz-Mechaniker werden und seine Familie weiter unterstützen.
„Glück bedeutet für mich, dass es meiner Familie gut geht“, sagt er leise. „Dafür arbeite ich – egal, was ich tun muss.“
Wenn Zaid von seiner Mutter spricht, füllt sich seine Stimme mit Trauer und Hoffnung zugleich. Noch weiß er nicht, wann er sie wiedersehen wird. Doch eines steht fest: Er gibt nicht auf.
Serhii – Zwischen Zerstörung, Überleben und NeubeginnSerhii ist 49 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Stadt Sumy. Bis 2022 führte er ein erfülltes Leben: Er war verheiratet, Vater eines Sohnes und leitete eine kleine Baufirma mit fünf Mitarbeitenden. Doch am 24. Februar 2022 änderte sich alles – der Tag, an dem der Krieg seine Heimat erreichte.
„Plötzlich war nichts mehr, wie es war“, erinnert sich Serhii. In Panik brachte er seine Frau und seinen Sohn außer Landes, bezahlte Fluchthelfer, damit sie sicher nach Polen gelangen konnten. Für ihn selbst gab es keine Flucht – er wurde eingezogen, um seine Stadt zu verteidigen. 800 Männer erhielten Waffen, ohne je den Umgang damit gelernt zu haben. „Der Befehl lautete: Tötet die Angreifer. Es blieb keine Zeit für Angst.“
Serhii kämpfte monatelang, schlief in Wäldern, verlor viele seiner Kameraden. „Am Ende waren wir nur noch 19 Männer“, sagt er leise. Als eine Bombe ihn unter Trümmern begrub, überlebte er wie durch ein Wunder. „Da wusste ich, dass jemand seine Hand über mich gehalten hat.“
Der Kontakt zu seiner Familie brach ab, die Erlebnisse an der Front hinterließen tiefe Spuren. „Ich konnte nicht verstehen, woher dieser Hass kam“, erzählt er. Gedanken an Aufgabe und Verzweiflung begleiteten ihn, doch die Liebe zu seiner Familie gab ihm Kraft weiterzumachen.
Nach einer schweren Verletzung gelang ihm schließlich die Flucht nach Deutschland – sein Weg aus der Hölle, wie er sagt. Heute lebt Serhii in Sicherheit, während seine Frau in Polen arbeitet und sein Sohn dort studiert. Bald wollen sie wieder vereint sein.
„Es wird Zeit brauchen, bis ich vergeben kann“, sagt Serhii. „Aber ich will leben, lernen und arbeiten – das hält mich am Leben.“
Trotz allem hat er seinen Mut und seine Würde bewahrt – und blickt nach vorn, Schritt für Schritt in Richtung Zukunft.
Eduard – Drei Kriege, eine Flucht und der Glaube an das LebenEduard ist 49 Jahre alt und stammt aus Marinka, einer kleinen Stadt in der Ostukraine, in der sich alle kannten. Er arbeitete im Bergbau, war verheiratet und Vater von drei Söhnen. Mit seiner Frau baute er sich ein Leben auf – bis der Krieg alles zerstörte.
2014 traf der erste Anschlag seine Heimat. Eine Bombe riss ihn und seine Familie mitten aus einem friedlichen Abend. Häuser stürzten ein, Menschen starben. „Wir hatten überlebt, aber unsere Welt war in Trümmern“, erinnert er sich. Ohne Strom, ohne Wasser begann der mühsame Wiederaufbau. Doch kaum war etwas Normalität zurückgekehrt, folgten 2015 und 2022 weitere Angriffe – jedes Mal schwerer, jedes Mal zerstörerischer.
Beim letzten Angriff wurde Eduard auf offener Straße von einer Drohne verletzt. Er überlebte knapp, verlor aber Freunde und seinen Schwiegervater. „Die Drohne war schneller als er laufen konnte“, sagt er still. Kurz darauf floh die Familie – 800 Kilometer durch das Land, immer wieder versteckt vor den unbemannten Fluggeräten, die sie jagten. Schließlich fanden sie in Vinnytsia Zuflucht.
Dort begannen sie neu: Seine Frau arbeitet im Homeoffice, Eduard fand Arbeit in einer Autowerkstatt. Doch dann traf ihn das Schicksal erneut – eine Krebsdiagnose im fortgeschrittenen Stadium. Seit einem Monat wird er im Krankenhaus behandelt.
„Ich will leben“, sagt er entschlossen. „Ich will gesund werden und zu meiner Familie zurückkehren.“
In Bernkastel-Kues hat Eduard eine Unterkunft gefunden, die ihm Ruhe und Sicherheit gibt. Seine Dankbarkeit gegenüber den Menschen in Deutschland ist groß.
Auf die Frage, was ihn stark macht, antwortet er: „Bescheidenheit, Verantwortung für meine Familie – und der Glaube an Gott.“ Trotz allem blickt Eduard mit Hoffnung nach vorn.
Bohdana – Kunst, Krieg und die Kraft des GlaubensBohdana ist 30 Jahre alt und stammt aus Donezk, einer Stadt nahe der russischen Grenze. Dort wuchs sie in einer engagierten Familie auf, studierte später Kunst in Luhansk und lebte ein kreatives, erfülltes Leben – bis der Krieg alles veränderte.
Im Frühjahr 2014 beobachtete sie aus dem Fenster ihrer Universität, wie eine Bombe einschlug. Kurz darauf erlebte sie Gewalt auf den Straßen, sah Menschen verprügelt und erschossen werden.
Zurück in Donezk, erlebte Bohdana, wie auch ihre Heimatstadt zerstört wurde. Wasser gab es nur noch alle fünf Tage, der Müll blieb liegen, und die Angst wurde zum Alltag. Schließlich floh die Familie nach Mukatschewo, unterstützt von Verwandten und Freund*innen. Dort fanden sie zunächst Sicherheit, engagierten sich ehrenamtlich und bauten sich ein neues Leben auf – bis auch dort der Krieg sie erreichte.
2025 verließen sie die Ukraine endgültig. Nach drei Tagen Busfahrt kamen sie in Karlsruhe an. „Wir können nicht beschreiben, wie dankbar wir sind für die Hilfe, die wir hier erfahren“, sagt Bohdana.
Heute lebt sie in Sicherheit – mit dem festen Glauben, dass Güte und Zusammenhalt stärker sind als Krieg. „Unsere Sicherheit ist kein Gebäude“, sagt sie leise, „es ist unsere Familie, der Zusammenhalt und der unerschütterliche Glaube an das Gute.“
Wir danken Zaid, Serhii, Eduard und Bohdana für ihr Vertrauen und dafür, dass sie ihre sehr persönlichen Geschichten mit uns geteilt haben. Ihre Tapferkeit und Offenheit berühren uns zutiefst. Es ist uns eine Ehre, ihre Stimmen hörbar zu machen – damit die Erfahrungen geflüchteter Menschen gesehen, gehört und verstanden werden.
Hier erfährst Du mehr über die Arbeit und die Menschen in unseren weiteren Unterkünften in Deutschland.